Namenswahl ohne Qual

Einen geeigneten Namen für sein Kind zu finden, ist gar nicht so einfach. Vor noch nicht allzu langer Zeit recycelte jede Familie ihre Vornamen einfach: Der Sohn hieß wieder Wilhelm wie sein Großvater und das Mädel wurde Anne wie die Tante. Heute will man kreativ sein und denkt sich immer neue Namen aus. Ob das gut ist fürs Kind? Armani Karl-Heinz statt Rudolf?

Kevin allein zuhause war ein Blockbuster, wer hat da nicht gelacht! Am wenigsten zu lachen haben die Kevins, die seit dem Kinofilm jetzt sprichwörtlich allein zuhause sitzen. Der Film handelt von einem 8-jährigen Jungen namens Kevin, der mit seinen Eltern und vier Geschwistern in einer amerikanischen Vorstadt von Chicago lebt, zu Weihnachten daheim vergessen wird und das elterliche Heim gegen zwei tumpe Einbrecher verteidigt. Der Film war ein einmaliger Erfolg für den jungen Macaulay Culkin, der seitdem nicht mehr so richtig auf die Beine kommt. So ein Name kann eben zum Fluch werden. In Amerika ist der Name Kevin nicht erst seit diesem Film verbreitet, es gibt viele andere Namensvetter vor ihm (Kevin Bacon z.B.). Aber in Deutschland trat Kevin als Jungsname seinen Siegeszug an und das nicht zur Freude der seinen Namen tragenden Kinder. Da stellt sich die Frage, welchen Einfluss ein Vorname auf das spätere Leben hat. Gibt es überhaupt einen Zusammenhang?

In den USA gibt es auch noch andere Kevins.

Durch die Medien schwirrt in Zusammenhang mit der Beantwortung dieser Frage der sicher auch bedeutungsschwangere Name eines Herrn Schaffer-Suchomel. Joachim Schaffer-Suchomel ist laut Wikipedia „ein deutscher Pädagoge und Autor im Bereich der Pseudowissenschaften“. Man muss ihn also nicht so ganz ernst nehmen, anregend ist es aber schon, was er so von sich gibt. Der Diplom-Pädagoge ist davon überzeugt, dass Namen unsere Persönlichkeit beeinflussen. Seine Theorie: Namen besitzen einen Charakter und können etwas über den Lebensweg seines Trägers aussagen. Untersuchungen von amerikanischen Wissenschaftlern kommen zu einem ähnlichen Schluss. Sie haben sich mit „implizitem Egoismus“ befasst und stützen seine Annahme. Vereinfacht gesagt geht es dabei darum, dass wir uns und alles, was mit uns zu tun hat, gut finden. Zumindest in der Theorie.

Die Erkenntnisse der Forscher legen nahe, dass es wohl kein Zufall ist, wenn sich Frauen mit dem Namen Louise vergleichsweise häufig in Louisiana ansiedeln und Männer namens Philipp nach Philadelphia ziehen. Und nicht nur das, statistisch entscheidet sich eine Marsha eher für einen Mars-Riegel als für ein Bounty, Corinna eher für eine Cola, Peter dagegen für Pepsi. Psychologen und Marketingexperten bezeichnen dieses Phänomen auch als „Name Letter Branding“: Ähnelt ein Markenname unserem Vornamen, finden wir das Produkt besonders gern zu.

Andere Namen können eher abschreckend sein. Vor allem für die anderen: Adelheid, Heinz-Otto, Detlef – hören wir einen Namen, verbinden wir automatisch mit ihm eine ganze Reihe von Eigenheiten, obwohl wir den zugehörigen Menschen gar nicht kennen. Diesen Effekt hat eine Studie der TU Chemnitz beleuchtet, in der 149 Probanden für 60 typisch männliche und weibliche Vornamen ihre Einschätzung zu Alter, Attraktivität und Intelligenz der Namensträger abgeben mussten. Das Ergebnis der Studie: Träger moderner Vornamen wurden stets jünger eingeschätzt als solche mit altmodischen Namen. Das wahrgenommene Alter wurde zur zentralen Information im Vornamen. Außerdem schlossen die Befragten vom geschätzten Alter auch auf Attraktivität und Intelligenz. Je jünger der Name eingeschätzt wurde, desto attraktiver, desto intelligenter wurde die Person dahinter vermutet.

Abgesehen von diesen Einschätzungen transportiert ein Vorname noch viele andere Information. Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche oder auch nicht verarbeitete Probleme der Eltern – alles kann bei der Namenswahl eine Rolle spielen. Darum lassen Sie sich reiflich Zeit bei der Namensgebung. Die Zeit der schwangerschaft ist doch lang. Manche Eltern haben mehrere Namensvarianten parat und geben ihrem Kind erst dann einen Namen, wenn es das Licht der Welt erblickt hat.

Bitte nicht Cäsar!

Traditionsverbundene Eltern nennen ihren Nachwuchs vermutlich eher Johanna oder Paul. Wollen sie sich von ihrem sozialen Umfeld abheben, verfallen sie vielleicht auf Galaxina, Sundance oder Mikado. Laut der Gesellschaft für Namensforschung sind das aller rechtlich zulässige Namen! Die Gefahr dabei: Wenn Eltern ihren Sohn zum Beispiel Cäsar nennen, könnte sich das Kind vom Anspruch der Eltern irgendwann im Leben überfordert fühlen. Und das Umfeld könnte dem Jungen namens Cäsar vielfach Probleme bereiten, wenn es ihn an seinem großen Vorbild misst.

Namen wie alle

Es gibt Modenamen, die es natürlich schwer machen. Denken Sie nur einmal, was passiert, wenn in einem Kindergarten eine Erzieherin die Gängisten namen ruft: „Maximilian, Marie, kommt mal her!“ Unter Umständen kommt gleich ein halbes Dutzend angerannt. Das kann auch mit den Namen Anna, Paul, Alexander und Sofie passieren. Laut der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) führen diese Vornamen seit Jahren die Ranglisten der beliebtesten Kindernamen an.

Wieso sind einige Namen so populär und andere nicht? Wer bestimmt über die Popularität? Amerikanischen Untersuchungen zufolge sind diejenigen Vornamen besonders beliebt, die einen relativ hohen sozioökonomischen Status signalisieren. Wer also zeigen will, wie gebildet oder wohlhabend er ist beziehungsweise gerne wäre, wird seinen Sprössling eher Sophie oder Simon als Jacqueline oder Justin nennen. Das unterstreicht auch die bereits erwähnte Oldenburger Studie.

Welche Folgen die unterschiedliche Gewichtung von Namen hat, zeigen die Oldenburger: Sie konzentrierten sich auf den Zusammenhang zwischen Namen und Notengebung. Aufgaben, die unter dem Namen Maximilian verfasst wurden, erhielten zum Beispiel eine bessere Bewertung als die gleichen Aufgaben unter dem Namen Kevin. Die Unterschiede machten allerdings nur eine Viertelnote aus.

Schon 2009 hatten Grundschullehrer verschiedene Kindernamen anonym beurteilt: Hörten sie Charlotte, Marie, Hannah, Alexander, Maximilian, Lukas oder Jakob, dachten die Befragten fast durchweg an freundliche, fleißige und brave Kinder. Mandy, Chantal, Angelina oder Maurice dagegen stuften sie als eher leistungsschwach und verhaltensauffällig ein. Vor allem der berühmte Kevin kam ganz schlecht weg.

Wächter der Namen

Peaches Honeyblossom (Pfirsch Honigblüte), Moon Unit (Mondeinheit) oder Sage Moonblood (Salbei Mondblut) – wenn es um außergewöhnliche Kindesnamen geht, sind englische und amerikanische Promis kaum zu überbieten. In Deutschland hätten Bob Geldof, Frank Zappa und Sylvester Stallone wohl nach anderen Namen für ihre Kinder suchen müssen, denn hier sorgen die Standesämter und manchmal auch Gerichte dafür, dass die Namensgebung nicht allzu skurrile Blüten treibt. Wer auf Nummer sicher gehen will, ob er sein Kind Nightingale oder Shakiranennen darf, kann sich an die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wenden. Geschätzte 2.000 bis 3.000 Anfragen landen jedes Jahr auf den Tischen der dortigen Sprachberater. Sie prüfen nach drei Kriterien: Gibt es schriftliche Belege, dass der Name schon einmal verwendet wurde, ist das Geschlecht eindeutig erkennbar und wird das Kindeswohl nicht gefährdet. Treffen alle drei Punkte zu, erheben die Experten keine Einwände.

„Wir beraten allerdings nur. Die Entscheidung, ob ein Name vergeben wird oder nicht, trifft allein das Standesamt“, sagt Lutz Kuntzsch, Sprachberater der GfdS. Meist akzeptierten die Eltern dann die Gutachten und Empfehlungen. Manchmal versuchen sie, den Namen per Gericht doch noch durchzusetzen – so geschehen bei Emma Tiger in Celle, Emmelie-Extra in Schleswig oder Sundance in Saarbrücken.

Mehr Experimente

Auffallend ist, dass die Experimentierfreudigkeit am steigen ist. 2012 wurden auf deutschen Standesämtern rund 50.000! verschiedene Vornamen eingetragen. Für Jungen etwa Raider, Don Armani Karl-Heinz, Sexmus Ronny, Belmondo und Ducati. Für Mädchen Amsel, Maybee, Hedi-Rocky und La-Vie. Dabei haben es Männer und Frauen mit außergewöhnlichen Vornamen nachweislich viel schwerer als die Mehrheit mit einfachen vertrauten Namen. Sie landen häufiger in psychiatrischen Kliniken und in Gefängnissen. Bereits in den späten 1940er Jahren zeigte eine Untersuchung der Harvard University: Studenten, deren Vorname unter den 3.000 Eingeschriebenen nur ein einziges Mal auftauchte, machten lediglich vier Prozent der Prüflinge aus – aber neun Prozent der Durchgefallenen!

Für sein Kind einen Allerweltsvornamen zu wählen mag langweilig sein. Es hat jedoch echte Vorteile, möglichst oft auf Namensvettern zu treffen. Menschen helfen einander bereitwilliger, wenn sie erfahren, dass sie denselben Namen haben. In einem Experiment aus dem Jahr 2004 trugen Forscher manipulierte Namensschilder, während sie Testpersonen um eine humanitäre Spende baten. Stimmte der Name auf dem Schild mit ihrem eigenen überein, spendeten die Probanden doppelt so viel Geld.

Unser Ratschlag: Vertrauen Sie den alten bewährten Namen und meiden Sie Experimente. Ihr Kind wird es Ihnen später danken.