Steinzeitbabys leben länger

“Schläft es schon durch?” Eine der Standardfragen, die junge Eltern zu hören bekommen, wenn es darum geht, ob es um das Schlafverhalten von Säuglingen geht.

Ein Bekannter, der selbst keine Kinder hat, gibt die Weisheit seiner Mutter zum besten, die ihn damals einfach habe ausschreien lassen. Es habe ihm nicht geschadet, wie man heute sieht. Und er wäre dann irgendwann als Baby eingeschlafen. Ohne großen Zinnober der Eltern. Dass Babys nicht schreien, um ihre Eltern zu nerven, sondern weil sie Hunger haben oder eine nasse Windel oder einfach Nähe brauchen. Das braucht man heute nicht  mehr zu schreiben. Das hat sich rumgesprochen. Aber das “gute” Eltern es schaffen, dass ihr Nachwuchs durchschläft, dieser Anspruch wird immer noch gestellt. Dabei haben die meisten Erwachsenen Einschlaf- oder Schlafprobleme! Nur können wir noch mal zum Kühlschrank oder die Glotze anschalten oder uns ein Buch schnappen. Schlafen will auch nicht gelernt sein, Babys schlafen einfach nach Bedarf, sie sind keine Automaten. Wie wir Erwachsenen ja auch nicht.

Gute Eltern, schlechte Eltern

Im Tragetuch kann Baby gut dösen

Das Baby zuhause ist eine neue Situation für alle Beteiligten, dem Baby inklusive. Alle müssen sich erst einmal aneinander gewöhnen. Das braucht Zeit. Durchschlafen bei gestillten Kindern geht nicht, aber wenn das Baby nahe bei der Milchquelle liegt, dann müssen beide, Kind und Mutter nicht erst richtig aufwachen, dann klappt das Stillen irgendwann in der zweiten Monatshälfte des zweiten Monats nach der Geburt wie im Schlaf. Menschen sind auch Tiere, vergessen wir das nicht. Unsere Schlafgewohnheiten in Europa, die besagen, dass man nachts schläft und tags arbeitet, sind nicht naturgemäß. Nachtschlaf ist wichtig, aber eine Siesta und andere Ruhephasen nicht minder. Man kann nicht nonstop mit 100% Aufmerksamkeit und Power durchs Leben gehen. Ein Baby kann das erst recht nicht. Es hat nicht die Reserven dazu. Seine Schlafphasen überwiegen in der ersten Zeit und Aufwachphasen sind häufig und treten auch nachts auf.

“Schlaflose Nächte sind lang, aber dann, aber dann …”

Etwa im sechsten Monat herum wenden sich viele Mütter noch einmal an ihre Hebamme, den Frauen- oder Kinderarzt. Sie zweifeln an ihren mütterlichen Fähigkeiten: Sie glauben, die einzige zu sein, deren Kind nachts irgendwas zwischen drei und fünf mal oder sogar noch häufiger wach wird. Bei allen anderen klappt es schon mit dem Durchschlafen. Ja, es gibt Babys, die wachsen und gedeihen, aber dabei auch wundersam durchschlafen, also mehrere Stunden am Stück. Es gibt aber auch in seltenen Fällen Babys, die mit vier Monaten krabbeln oder mit vier Wochen den ersten Zahn bekommen. Natürlich wären die Babyjahre für Eltern einfacher, wenn man mehr und verlässlicher schlafen könnte, aber es hat seine Gründe, warum Babys das noch nicht können. Während die Zahnung und auch die verzögerte oder beschleunigte motorische Entwicklung einfach so geschehen darf, scheint das „gute Schlafen“ ein elterliches Verdienst zu sein. Alle Eltern möchten gute Eltern sein und deshalb trauen sich schlaflose Eltern oft nicht, das zuzugeben. So hat es den Anschein, als schliefen alle Babys mit ihren Eltern in Harmonie durch. Geben Sie ruhig mal zu, dass es bei Ihnen nicht so ist und sie werden auch zu hören bekommen, dass es anderen nicht anders geht.

Die liebe Statistik weist darauf hin, dass Babys im Alter von drei Monaten durchschnittlich zwei bis drei mal nachts aufwachen. Mit neun Monaten tun sie das fünf mal, mit zwölf Monaten wieder zwei bis drei mal. Babys haben also weder ein zu behandelndes Problem oder einen Defekt, wenn sie nicht mit sechs Monaten durchschlafen. Besonders gestillte Kinder wachen etwas häufiger auf und schlafen erst in späterem Alter durch. Wobei man von Durchschlafen bereits spricht, wenn das Kind fünf oder mehr Stunden am Stück schläft. Wenn Kinder nah bei ihren Eltern schlafen, wird die Schlafunterbrechung nicht so gravierend sein. Der Schlafrhythmus von Mutter und Säugling stimmt sich aufeinander ab und ein Kind im Nahbereich muss nicht laut schreien, um gehört zu werden. Das Baby bewegt sich, rudert mit den Ärmchen oder „grunzt“ etwas und die Mutter kann es durch Stillen oder Hand auflegen und streicheln – Körperkontakt gibt einfach Sicherheit – schnell wieder zum Weiterschlafen bewegen.

Wenn Eltern nachts aufstehen zum Stillen oder um das Fläschchen zuzubereiten, fühlen sich die Schlafunterbrechungen wesentlich schlimmer an, als wenn man dabei liegen bleiben kann. Eine Empfehlung: Lassen Sie sich in den ersten Tagen das entspannte Stillen in Seitenlage zeigen. Sie werden so zu wesentlich mehr Schlaf und Ruhe kommen. Das gilt für tagsüber oder in der Nacht. Aber auch wenn nicht gestillt wird: Das nahe Beinanderschlafen und die gute Vorbereitung der Flaschenmilch sorgt für mehr nächtliche Erholung. Die Häufigkeit des Aufwachens gibt aber das Baby vor. Und da ist jedes Baby anders.

Eine paar Tricks

Gymnastikball hilft beim Kindwiegen

Natürlich gibt es ein paar babyfreundliche Tricks, die „schlaffördernd“ sind. Frische Luft und Sonnenlicht am Tage wirkt sich positiv auf den Schlaf aus. Auch sorgt der „gute Schlaf“ am Tag meist auch für einen besseren Nachtschlaf. Also am besten den Mittagsschlaf mit dem Baby zusammen machen. Ein übermüdetes Kind schläft derweil meist wesentlich schlechter. Manche Kinder schlafen immer und überall, ob es leise oder laut ist, andere brauchen ähnliche Bedingungen und Rhythmen im Tages- und Nachtverlauf, denen man dann auch nachgehen sollte. Aber all das ist individuell, ebenso wie das generelle Schlafbedürfnis von Kindern.

Gut kommt auch das Getragenwerden an. Natürlich kann man ein 6kg-Baby nicht stundenlang herumtragen, es sei denn man ist Hochleistungssportler, Kugelstoßer z.B. . Aber es geíbt brauchbare Tragetücher, die dem Kind Nähe vermitteln und ihre Hände freihalten. Es gibt auch Pezzibälle, auf denen man sitzend das Baby schaukeln kann. Viele Kinder haben anscheinend Bauchprobleme. Liegt es an der fehlenden Eigenbewegung des kleinen Würmchen, das gerade erst zu strampeln beginnt und deren Magen-Darm-Trakt träge darnieder liegt. Jedenfalls hilft das Wippen beim Einschlafen und “Pupsen”. Auf einem der Körpergröße des hüpfenden Elternteils angepassten Balles lässt sich auch einmal ein, zwei Stunden das Kind verschaukeln, ohne danach völlig kaputt zu sein.

Jedenfalls hat die Natur sich etwas dabei gedacht: Anfangs ist der Babymagen winzig und kann nur kleine Nahrungsmengen aufnehmen. Die häufige Nahrungsaufnahme auch in der Nacht stabilisiert den Blutzucker und ist gut für die Hirnentwicklung. Sie fördert den Bilirubinabbau und wirkt damit einer verstärkten Neugeborenengelbsucht entgegen. Aber selbst, wenn das Baby ab einem gewissen Alter nicht mehr nachts in eine gefährliche Unterzuckerung kommen würde, kann es Durst oder auch Hunger haben, weil viele Kinder zum Beispiel gerade um den sechsten Lebensmonat herum tagsüber viel „zu beschäftigt“ sind und nur selten und kurz stillen. Die fehlenden Kalorien holen sie sich dann gerne nachts, wenn sie etwas mehr zur Ruhe kommen.

Steinzeitbabies forever

Auch in der Steinzeit lebten schon Babys.

Nachts aufzuwachen und sich rückzuversichern, dass Mama noch da ist, ist ein alter Schutzmechanismus und kann heißen: nicht vom Säbelzahntiger gefressen oder vom Wisent zerstrampelt zu werden oder zu erfrieren. Auch die Babys heutzutage verhalten sich nun mal wie Steinzeitbabys, die alleine in der Höhle ziemlich verloren gewesen wären. Also lieber mal aufwachen und schauen bzw. spüren, ob noch alles in Ordnung ist und die wichtigsten Bezugspersonen auch noch da sind. Das Verhalten von damals ist das der Babys von heute, es ist angeboren! Ohne dieses Verhalten wären wir Menschen lägst ausgestorben.

Wie lange kleine Kinder das tun, ist sehr unterschiedlich, aber sicher ist – sie machen es nur so lange, wie sie es brauchen. Trotzdem ist es auch wichtig, auf die eigene, elterliche Kraft acht zu geben und ein Schlafumgebung zu finden, die für die jeweilige Familie gut passt und im Einklang mit den frühkindlichen Bedürfnissen steht.

 
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