Die Milchmärchen

Ich darf an dieser Stelle die klugen Aufzeichnungen einer Mutter wiedergeben, die wir schon zweimal als Schwangere begleiten durften.

Schwangersein ist auch eine Art Ausnahmezustand, die Ängste, die man sonst im Leben hat, können potenziert werden, weil man ja jetzt noch ein zweites Leben in sich trägt und damit die Gefahren, die der Alltag so mit sich bringen, noch einschneidendere Konsequenzen haben können. Eines meiner Mottos in meiner langjährigen Berufspraxis lautet “Erstmal Ruhe bewahren”.

Wenn die Welt schwarz-weiß wäre, wäre sie weniger farbig

Ein zweites soll mich vor Feindbildern schützen: “Wenn die Welt schwarz-weiß wäre, wäre sie weniger farbig. Ich kann die Gedanken der schreibenden Muter sehr gut verstehen, ihre Feindbilder, die sie u.a. in der Pharmaindustrie ausmacht, lehne ich aus Prinzip ab. Wenn wir den gesunden Menschenverstand einsetzen, können wir uns von ihr auch nicht allzu sehr vereinnahmen lassen.

Lesen Sie im folgenden die sogenannten Milchmärchen, ein paar erhellende Weisheiten direkt aus der Quelle, wie sie eben nur eine denkende und fühlende Mutter schreiben kann:

Milchmärchenabrechnung

“Gestern zeigte mir gestern eine Freundin das recht umfangreiche, an sich ganz nett gestaltete, allerdings mit zig falschen Informationen garnierte Stillbüchlein eines Pharmakonzerns. Neben diversen veralteten Stillthesen stand auch da mal wieder das Märchen von der kohlensäurehaltigen Muttermilch. Da war also zu lesen, wenn die Stillende kohlensäurehaltige Getränke zu sich nimmt, bekäme das Baby davon Blähungen. Man könnte glatt meinen, die Muttermilch würde direkt aus dem Mageninhalt der Mutter gewonnen werden …

Lesen Sie die verbreitesten Ammenmärchen rund um die Muttermilch und Achtung! Die Überschriften enthalten alle durchweg falsche Weisheiten.

Sprudelwasser lässt die Milch sprudeln

Trinken Sie ruhig Mineralwasser, wenn es ihnen bekommt.

“Trinken Sie kein Mineralwasser!” stand da. Daneben wurde eine lange Liste an zu vermeidenden Lebensmitteln wie Zwiebeln, Knoblauch, Kohl, Broccoli, Tomaten, Lauch und Orangensaft und so weiter aufgeführt, weil diese beim Baby wahlweise zu Blähungen oder zu einem wunden Po führen würden. In der Realität ist es aber so, dass Blähungen, also Gase aus dem Darm, durch die Verdauung von Ballaststoffen mittels entsprechender Darmbakterien im Darm entstehen. Die Ballaststoffe und auch die Darmgase gelangen nicht ins Blut und somit nicht in die Muttermilch, selbst wenn die Mutter auf ein Lebensmittel mit starken Blähungen reagiert.

Es gibt einige Kinder, die trotz der wissenschaftlichen Unmöglichkeit empfindlich reagieren, wenn ihre Mutter bestimmte Lebensmittel gegessen hat. Am ehesten betrifft es Lebensmittel, die bei ihr selbst zu Blähungen führen. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Aber der Schein trügt. Die meisten Kinder haben keine Beschwerden und deshalb ist eine prophylaktische Enthaltsamkeit nicht angebracht. Im Gegenteil: Sie kann dazu führen, dass Mütter sich zu einseitig ernähren oder kürzer stillen, weil sie nicht zu lange auf Zwiebeln und ihre geliebten Erdbeeren verzichten möchten. Einzig und allein für Kuhmilch wurde nachgewiesen, dass zehn bis 15 Prozent der „Kolikkinder“ eine Unverträglichkeit auf das in die Muttermilch daraus übergegangene Fremdeiweiß haben. Da kann in Absprache mit Hebamme, Kinderarzt oder Stillberaterin getestet werden, ob das Weglassen von Kuhmilchprodukten eine Besserung bringt. Aber auch hier ist ein prophylaktisches Vermeiden nicht sinnvoll, weil sich Mütter damit nur unnötig das Leben schwer machen. Eine „Stilldiät“, bei der auf diverse gesunde und leckere Lebensmittel verzichtet wird, ist auch schwer mit der Empfehlung zu vereinbaren, dass Stillende sich vollwertig und ausgewogen ernähren sollen.

Viel essen = viel Milch

Knoblauch ist bei uns in Deutschland nicht hoch angesehen und Stillende, so hört man oft die Warnung, sollen auf ihn unbedingt verzichten. In anderen Ländern verzichtet auch die Schwangere oder Stillende nicht auf die aromatischen Zehen und ihnen wird dort sogar ein milchbildungsfördernder Effekt nachgesagt. Es ist nicht bekannt, dass die Kinder andernorts mehr “pupsen” als bei uns – mit oder ohne Knobi. Märchen sind langlebig und so wird immer noch vielen Frauen bei nicht ausreichender Milchbildung empfohlen, iss reichlich und trinke literweise Stilltee (siehe unseren Beitrag dazu). Die Milchproduktion wird nicht durch Stilltee und Gerstenbrei angeregt, sondern vor allem durch häufiges und korrektes Anlegen des Kindes. Und das kann zu Beginn der Stillzeit recht anstrengend und nervig sein.

Viele Lebensmittel sind als milchbildend bekannt, bisher nur für Bockshornklee eine milchmengensteigernde Wirkung wirklich nachgewiesen, allerdings auch nur in ausreichender Dosierung. Tatsächlich haben „Milchbildungsgerichte“ manchmal einen nicht zu unterschätzenden Placeboeffekt. Überzeugte Mütter sind dann ausgeglichener und eine lockere Psyche entspannt und hilft. Wenn allerdings nicht parallel die Milchbildung ausreichend stimuliert wird, wird das erhoffte Wunder ausbleiben.

Viel trinken = viel Milch

Stillende sollten einfach – wie auch sonst im Leben – nach ihrem Durstgefühl trinken und sich am besten zu jedem Stillen etwas zu trinken hinstellen, denn die Oxytocinausschüttung erzeugt Durst. Eine zu hohe Flüssigkeitsaufnahme (mehr als die empfohlenen zwei bis drei Liter) führt nämlich sogar nicht zu mehr, sondern sogar zu weniger Milch. Wer während der Stillzeit weit über das Durstgefühl hinaus trinkt, deaktiviert dadurch das Antidiuretische Hormon (ADH) und der Körper schwemmt viel Wasser aus. Dies ist milchbildungshemmend!

Kaffee macht die Babys munter

Ein, zwei Tassen Kaffee oder schwarzer Tee sind erfahrungsgemäß gar kein Problem. Wenn ein Baby tatsächlich auf das Koffein mit vermehrter Unruhe reagieren sollte, dann den Kaffee nach dem Stillen trinken. Aber auch beim Kaffee gilt: Einfach ausprobieren – viele Babys sind völlig unbeeindruckt vom moderaten Kaffeekonsum der Mutter.

Milchmärchen sind hartnäckig. Schon mal von der Milchfee gehört?

Alkohol ist gut für die Milchbildung

Ein Gläschen Sekt oder Wein schmeckt fein und regt die Milchbildung an. Noch so ein Milchmärchen! Genau das Gegenteil ist der Fall: Alkohol hemmt den Milchspendereflex und mehrere Studien belegen, dass Kinder weniger trinken, wenn in der Muttermilch Alkohol ist, da dieser den Geruch und den Geschmack der Muttermilch verändert. Ein Gläschen zu besonderen Anlässen geht schon mal, aber Alkohol geht fast in gleichem Maße wie in das Blut der Mutter in ihre Milch über. Darum sollte nach dem Stillen getrunken werden. Dann hat sich der Alkohol in einer längeren Stillpause bereits wieder abgebaut.

Aber bitte mit Sahne

Sahne und Butter sind „Nervenfutter“ – steigern aber nicht den Fettgehalt der Milch. Kalorien-, Fett-, Eiweiß- und Laktosemenge und bestimmte Nährstoffe wie z.B. Eisen oder Folsäure können nicht durch die Nahrung der Mutter beeinflusst werden. Folgende Nährstoffe können aber durch die Ernährung in der Stillzeit beeinflusst werden: die Vitamine A, C, B1, B2, B6, B12, D, Niacin und wahrscheinlich Vitamin K sowie die Zusammensetzung (nicht die Fettmenge!) der Fettsäuren. Darum ist die Verwendung hochwertiger Fette (z.B. Omega3-Fette) sinnvoll. Aber bevor alle Stillenden jetzt anfangen, Nährstoffe zu zählen – eine meistens vollwertige, ausgewogene Ernährung wird das alles abdecken. Für bestimmte Ernährungsformen ist aber eventuell z.B. eine Vitamin B12-Supplementation erforderlich. Aber da empfiehlt sich immer eine persönliche und individuelle Beratung und kein angelesenes Internetwissen.

Stillende essen für zwei

Schwangere wissen hoffentlich mittlerweile alle, dass sie nicht für zwei essen müssen. Genauso gilt dies für die Stillzeit. Der Kalorienbedarf in der Schwangerschaft ist um ca. 300 bis 600 Kilokalorien erhöht, diese lassen sich aber durch ein, zwei kleine Zwischenmahlzeiten decken. Genau wie in der Schwangerschaft ist aber der Bedarf an einigen Nährstoffen erhöht – darunter Proteine, Vitamin A, B, und E sowie Folsäure, Magnesium, Jod und Zink. Daher empfehlen sich auch weiterhin Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte. Der Körper greift bei schlechter Versorgung auf die mütterlichen Reserven zurück, so dass die Qualität der Muttermilch gleichbleibend gut ist, aber die Mutter den Mangel spüren würde. Wer sich da Sorgen macht, dem lege ich auch eine Beratung zur individuellen Ernährungssituation ans Herz, bevor unkontrolliert Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen werden.

Keine Diät in der Stillzeit

Der Körper legt in der Schwangerschaft natürliche Reserven für die Stillzeit an. Bei unserem großen Nahrungsangebot werden diese nicht mehr unbedingt benötigt. Und so gibt es neben den Frauen, die in der Stillzeit aufpassen müssen, nicht zu dünn zu werden, auch viele Frauen, die mit den restlichen Schwangerschaftspfunden „kämpfen“.
Übergewicht und seine Folgen wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, gewisse Krebsarten ist eines der größten gesundheitlichen Probleme des 21. Jahrhunderts. Um diese Risiken zu senken, sollte das Vorschwangerschaftsgewicht in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach der Geburt wieder erlangt werden. Am besten geschieht das durch eine Kombination von Stillen, Sport und einer ausgewogenen Ernährung. Die Stillzeit mit ihrem erhöhten Kalorienbedarf ist eine ideale Zeit, um abzunehmen, denn der Körper hat ein natürliches Bestreben, sein Vorschwangerschaftsgewicht zu erreichen. Schwangere und junge Eltern sind außerdem in dieser Lebensphase meist sehr an einer gesunden und ausgewogenen Ernährung interessiert.

Wenn folgende Punkte beachtet werden, wird eine längerfristige Diät die Milchmenge nicht beeinflussen:

  • die Mutter ist nicht untergewichtig und das Kind wird nach Bedarf gestillt.
  • die Gewichtsabnahme sollte nicht mehr als zwei Kilogramm im Monat betragen.
  • die Diät darf nie einseitig sein (z.B. Ananas-Diät) und die Kalorienaufnahme sollte maximal 500 kcal unter dem tatsächlichen Bedarf liegen, so ist bei einer ausgewogenen Ernährung kein Nährstoffmangel zu befürchten.

Wer also die Stillzeit zur moderaten Gewichtsreduktion nutzen will, kann das tun und sich auch gerne hierzu noch mal entsprechend beraten lassen.

 
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